Social Media ermöglicht der Polizei mehr Bürgernähe und Transparenz

Günther Epple ist Polizeidirektor und Dozent für Einsatzlehre an der Deutschen Hochschule für Polizei (DHPol) in Münster. Im Juli wurde die Hochschule für Polizei durch den Wissenschaftsrat institutionell akkreditiert. Um zu beweisen, dass sie die Kriterien knapp fünf Jahre nach der Gründung erfüllt, die an eine Hochschule gestellt werden, hatte sich die DHPol diesem Verfahren gestellt.

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Günther Epple, Polizeidirektor und Dozent für Einsatzlehre an der Deutschen Hochschule für Polizei

ICOM: Herr Epple – zunächst herzlichen Glückwunsch zur aktuellen Akkreditierung Ihrer Hochschule! Was bedeutet das für das Studieren an der DHPol?

Günther Epple: Auf den konkreten Arbeitsalltag der Studenten hat das erst einmal keine Auswirkung. Die Akkreditierung bestätigt allerdings, dass die Kriterien, die an eine Hochschule gestellt werden fünf Jahren nach Gründung der Hochschule erfüllt sind. Im weiteren Verlauf wird sich die Akkreditierung aber in Form von stärkeren Vernetzungsmöglichkeiten und Auslandsbeziehungen auswirken.

ICOM: Unser Kollege Dr. Matthias Wagner hatte bei Ihnen einen Vortrag zu „Social Media Monitoring“ gehalten. Das Thema „Social Media“ beschäftigt also auch die Polizei. Ich würde bei diesem Thema gern mit der Internen Kommunikation und dem Wissensmanagement beginnen. Nutzen Sie dafür bereits Social Media und wenn ja, welche Vorteile zeigen sich?

Epple: Ja, wir nutzen es intern und haben ein eigenes, internes „Blackboard“. Das ist eine Lernplattform neuerdings auch mit Blogs und Wikis, die der internen Kommunikation und dem Wissensmanagement dient. Seit ein paar Wochen besitzen wir sogar einen eigenen Facebook-Auftritt. Der ist aber noch so neu, dass ich noch keine Erfahrungen dazu berichten kann.
Hier aktiv zu sein ist wichtig für uns, weil die Studierenden natürlich privat alle Social Media nutzen – in Form von Facebook oder What’s App etc.
Da wir als sehr kleine und spezialisierte Hochschule einen sehr hohen Präsenzanteil haben, findet bei uns noch sehr viel in direktem Kontakt statt.

Der Vorteil unseres Blackboards ist, dass die Kommunikation schnell, papierlos und zielgerichtet erfolgt. Die Dozenten stellen ihre Informationen ein, die Studenten holen sie sich dort ab, es werden keine Handouts mehr benötigt und die Kommunikation funktioniert auch von zu Hause aus. Außerdem können die Diskussionsforen von den Studenten genutzt werden.
Die Plattform gibt es schon seit mehr als fünf Jahren. Sie hat sich im Lauf der Zeit weiter entwickelt und die neusten Funktionen wie Blogs und Wikis gibt es seit eineinhalb Jahren.

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Quelle: https://www.facebook.com/PolizeiHannover

ICOM: Die Polizei Hannover nutzte als erste Sicherheitsbehörde Deutschlands das soziale Netzwerk „Facebook“ für Fahndungszwecke. Auf der Seite „Polizeidirektion Hannover – Alles in Ordnung?“ will sie damit vor allem Zeugen für Straftaten finden, um Täter überführen zu können. Es gibt eine eigene Grafik mit dem grünen Stempel „Erledigt“ bei veröffentlichen Fahndungserfolgen. Ich selbst hatte bei mir im Ort mitbekommen, dass mit Hilfe von Facebook, Täter noch am gleichen Nachmittag von der Polizei verhaftet werden konnten (Überfall mit Hilfe von Facebook aufgeklärt).
Wo liegen aus Ihrer Sicht die Vorteile beim Social Media-Einsatz in der Kommunikation mit ihren Zielgruppen, den Bürgern?

Epple: (lacht) Das ist meine Lieblingsfrage. Es ist so, dass wir unsere Zielgruppe über die klassischen Medien (Zeitung, Plakat, direkter Kontakt, TV-Spots) nicht mehr wie früher erreichen können. Wenn wir diese Zielgruppe erreichen möchten, müssen wir die Sozialen Medien nutzen. Nehmen wir als Beispiel eine Straftat in einer Disco, dass z.B. ein Mädchen sexuell belästigt wurde. Die relevante Zielgruppe wird den Fahndungsaufruf nicht in der Zeitung lesen. Im Netz aber erreichen wir sie, und der Fahndungsaufruf kann mit ganz anderen Nutzungszahlen schnell verbreitet werden. Das ist neu.

Auch das Image der Polizei wird in Folge der direkten Kommunikation positiver gesehen. Studien zeigen, dass die Netzgemeinde ein Interesse am Thema Polizei hat. Nicht umsonst gibt es so viele Krimis. Die direkte Kommunikation ist distanzlos, es ist einfacher, eine E-Mail zu schreiben, als in eine Polizeiinspektion einzutreten.

Die Polizei kann sich auf diese Weise als Ansprechpartner präsentieren. Die Netzgemeinde sieht und erlebt, dass die Polizei für sie da ist, Tipps gibt, arbeitet, fahndet und Fahndungen erfolgreich verlaufen.
Ein weiterer Vorteil ist, dass bisherige Fahndungsaufrufe Geld kosteten, der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht bestimmbar war und wir auf Rückmeldungen warten mussten. Mit Facebook z.B. haben wir alles unter eigener Kontrolle und erhalten auch direkt Rückmeldungen.

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Quelle: https://www.facebook.com/PolizeiHannover

ICOM: Wie sind Sie in das Thema eingestiegen? Gibt es ein Strategie-Konzept für die Social Media-Aktivitäten der Polizei?

Epple: Wie so viele bin ich privat über meine Kinder in das Thema eingestiegen. Ich wollte wissen, was sie bei Lokalisten & Co eigentlich machen. Dann habe ich überlegt, wie es für die Polizeiarbeit genutzt werden kann.

Die Polizei Hannover nahm mit ihrem Facebook-Auftritt eine Pilotfunktion ein. Wir an der Hochschule stützen diese Arbeit durch die entsprechenden Seminare. Wir haben bewusst abgefragt, ob Interesse an diesem Thema besteht – und der Bedarf war riesig! Dass wir diese Seminare anbieten hat wieder eine Signalfunktion.

Ein bundeseinheitliches Strategie-Konzept gibt es aufgrund des Föderalismus nicht. Es gibt aber eine bundeseinheitliche Empfehlung, die im letzten Jahr durch eine Arbeitsgruppe erstellt wurde. Sie befasst sich u.a. mit den Themen Prävention, Fahndung und Öffentlichkeitsarbeit und wurde den Ländern über die Innenminister zur Umsetzung empfohlen.

ICOM: Wenn die direkte Kommunikation im Informationsmix der Bürger etabliert ist, hat das nicht nur den Vorteil der schnelleren Information. Nimmt die Distanz zwischen Polizei und Bürgern ab, kann die Polizei positiver erlebt werden, wie Sie schon gesagt haben. Spielt das eine Rolle für das Anwerben neuer Mitarbeiter?

Epple: Das spielt in jedem Fall eine Rolle. Die Konkurrenz um den best möglichen Nachwuchs wird weiter zunehmen und die Nutzung von Social Media ist für diese Zielgruppe selbstverständlich. Findet die erste Kontaktaufnahme im Internet, z.B. auf Facebook statt, ist das viel angenehmer für die Bewerber, als z.B. in einer Dienststelle Formulare auszufüllen und Polizisten in Uniform gegenüber zu sitzen. Auch die Sprache bei Facebook ist eine ganz andere.
Nordrhein-Westfalen ist schon so weit, dass der erste Schritt der Bewerbung nur noch über Internet stattfindet, alle anderen sind an diesem Thema dran.

ICOM: Unternehmen müssen ihr Ohr immer am Markt haben, um aktuelle Trends frühzeitig erkennen zu können und damit näher am Kunden zu agieren. Genauso wichtig ist es natürlich für die Polizeiarbeit, ein entsprechendes Monitoring aufzubauen, um präventiv handeln zu können – Stichwort Facebook-Parties oder Demonstrationen. Wie haben Sie dieses Monitoring für sich organisiert?

Epple: Ein Monitoring findet bislang in Teilen der Kriminalitätsbekämpfung statt, z.B. für Kinderpornografie, hierfür gibt es entsprechende Techniken und Programme. Und wenn wir Hinweise zu einer Facebook-Party erhalten, schauen wir natürlich auch nach, was wir dazu bei Twitter, Facebook und Google+ finden.
Kommunikation nach Stichworten zu durchsuchen ist eine Sache der Geheimdienste, dafür haben wir weder die Technik noch die rechtlichen Befugnisse.

Nach meiner Erkenntnis gibt es zur Zeit noch kein strukturiertes Monitoring zur Frage, wie die Polizei in der Öffentlichkeit da steht, ob ein Shitstorm droht, etc. . Im Vergleich zu Unternehmen haben wir bei diesem Thema noch eine Lücke. Das Ziel ist, dass die entsprechenden Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit mehr strategisches Monitoring betreiben und nicht nur schauen, was z.B. in München in der Abendzeitung über die Arbeit des Polizeipräsidiums München steht, sondern auch was im Netz über uns gesagt wird und wie – ob positiv oder negativ. Dann ist es wichtig, sich zu überlegen, wie wir darauf reagieren.

ICOM: Social Media bedeutet größere Transparenz und das beinhaltet natürlich nicht nur Vorteile sondern auch Risiken. Social Media macht die Polizeiarbeit öffentlich, Aktionen und Nicht-Aktionen sind der Kritik ausgesetzt. Wie sehen Sie das?

Epple: Die Polizeiarbeit transparenter zu machen ist per se kein Risiko, auch wenn es von manchen Kollegen vielleicht nicht gewünscht wird. So werden z.B. Fälle von Polizeigewalt bekannt. Hier ist Transparenz also positiv. Wenn wir aber z.B. eine Geisellage oder Bedrohungslage in einem Kindergarten haben, ist die Transparenz tatsächlich ein Risiko. Der Täter mit Smartphone kann die Informationen von außen mitbekommen, ob und wo z.B. Scharfschützen positioniert sind, wo Absperrungen errichtet wurden etc. Diese Transparenz ist für die Polizeiarbeit schädlich.

Im Zuge von Social Media finden dann auch noch ganz neue Straftaten statt z.B. im Umfeld von Vermögensbildung, Beleidigungen, Mobbing.

Stichwort Mobbing – auch hier ist die Polizei in der Prävention tätig und gibt Workshops in Schulen, wie man sich sicher im Netz bewegt und was man tun sollte, wenn z.B. Mobbing stattfindet. Hier sind aber auch viele private Beratungsfirmen in Schulen aktiv, die die Schüler im Umgang mit Social Media schulen.

ICOM: Inwiefern wird sich die Polizeiarbeit durch die Sozialen Medien zukünftig verändern?

Epple: Das ist eine spannende Frage. Social Media wird in allen Bereichen der Gesellschaft weiter an Einfluss gewinnen. Die letzte vergleichbare Entwicklung war für mich die Einführung von Computern. Auch hier gab es die Diskussion „brauchen wir das?“, „das kostet doch viel Geld und Ressourcen“. Aber wir konnten uns diesem Phänomen nicht entziehen. Genauso wenig kann sich die Polizei dem Thema Social Media entziehen. Wenn künftig 80-90% der Bevölkerung in Social Media aktiv sind, muss es auch die Polizei sein.

Unsere Themen werden Präventions-Tipps, Nachwuchswerbung, Einsatzbewältigung und die Fahndung sein.

Bei der Einsatzbewältigung hat die Polizei in Stuttgart übrigens sehr positive Erfahrungen mit transparenter Polizeiarbeit über Twitter und Facebook bei den Aktionen rund um den Bahnhof gemacht. Sie erklärte ihre Einsätze („wir machen das weil….“) und gab Demonstranten Tipps zur Verhaltensweise. Das kam sehr gut an.

Oder bei der Hochwasserlage organisierten sich viele Helfer privat über Facebook. Mit dieser Methode klappte die Koordination besser als bisher. Nachrichten wie: wo muss noch geholfen werden, wo werden Sandsäcke und Verpflegung gebraucht, hier wurde abgesperrt… waren sofort für alle transparent abrufbar.

ICOM: Herr Epple, wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Gespräch.

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