Revolution der Bildung durch MOOC?

Bis zum 22. Mai läuft zur Zeit die öffentliche Abstimmung beim Wettbewerb „MOOC Production Fellowship“. MOOC (sprich: „Muhk“) ist das Kürzel für Massive Open Online Courses, meist kostenlose, frei zugängliche Onlinekurse mit sehr vielen Teilnehmern. Das folgende Video erklärt die Idee eines MOOC.

Mit dem Wettbewerb wollen der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Open Course Plattform iversity die Entwicklung innovativer Konzepte für MOOC anstoßen und die Umsetzung von zehn Kurskonzepten ermöglichen. Prämiert werden bis zu zehn Lehrende oder Lehrteams für die Konzepte, die auf die größte Resonanz bei potentiellen Studenten stoßen.

Nathan Heller hat im aktuellen “The New Yorker” einen sehr ausführlichen Artikel „Laptop U” zur Entstehung, sowie den Vor- und Nachteilen dieser “Bildungsrevolution” geschrieben. Weitere Berichte erschienen in Spiegel online (“Studieren online: Anwesenheitspflicht, adé”), der FAZ („Globalisierung der Lehre“) und der ZEIT („Harvard für alle Welt“).

130516_MOOC_2Quelle: iversity Open Courses (http://goo.gl/m3nIA)

Aus diesen Artikeln lassen sich folgende Pro- und Contra Argumente zu MOOC zusammenfassen:

Die Befürworter führen an:

  • Studierende können weltweit von jedem Ort zu jeder Zeit kostenlos Zugang zum Studienangebot der Hochschule haben.
  • Das bedeutet eine „Demokratisierung des Bildungsangebots weltweit“
  • Bei steigenden Studiengebühren v.a. in den USA können Studenten durch den Besuch der Online-Kurse vor Studienbeginn die Studienzeit von vier auf zwei bis drei Jahre verkürzen und sparen.
  • Die Online-Kurse bedeuten auch eine Entlastung der Professoren. Insbesondere bei Grundlagenvorlesungen ist es unerheblich, ob 500 oder 5.000 Studenten zuhören, interaktiv ist eine solche Vorlesung nicht. Wenn sie im Netz abrufbar wird, können vor Ort Seminare angeboten werden, die die Themen diskutieren.
  • Für MOOC halten die besten Professoren der besten Universitäten ihre Kurse, die Qualität ist somit sehr hoch. Von dieser Qualität profitieren alle gemäß dem Motto „a rising tide lifts all the boats“. Die staatliche Universität von San Jose in Kalifornien schaffte es mit dem Elektronikkurs des früheren Informatikprofessors Agarwal am MIT, die Durchfallquote von 40 auf 9 Prozent zu senken.
  • MOOC ermöglichen den Lehrenden ein gutes Monitoring. Wenn es z.B. Häufungen von falschen Antworten gibt, lässt sich ein 2-Min. Video nachdrehen, das speziell auf diese Frage eingeht.

Gegner fragen:

  • Wie kann man sicherstellen, dass es der eingeschriebene Student ist, der die Aufgaben eines Kurses löst und Prüfungen absolviert – und zwar ohne fremde Hilfe? Wie kann man bei Online-Kursen, für die sich bis zu hundertfünfzigtausend Teilnehmer einschreiben, den Wissensstand prüfen?
    Hier helfen zwar „Keystroke-Algorithmen“, Web-Cams bei der Prüfung und Peergrading, was für die Zuerkennung eines Abschlusses aber nicht ausreicht.
  • Was passiert mit den Daten? Schließlich kann man aus ihnen das individuelle Lernverhalten ableiten: Wie lange braucht ein bestimmter Teilnehmer für die Bearbeitung einer Aufgabe? Gehört er zur Gruppe der Teilnehmer, die in letzter Sekunde eifrig werden, oder bearbeitet er Aufgaben gewissenhaft sofort? Wie benimmt er sich in Interaktion mit anderen?
  • Für künftige Arbeitgeber wären Informationen zu Arbeitsleistung, Teamfähigkeit und anderen Kompetenzen interessant. Geschäftsmodelle der Plattform-Anbieter prüfen die Idee, als Vermittler Arbeitgeber auf gute Absolventen hinzuweisen und deren Daten weiterzugeben – bei Einwilligung der Teilnehmer und nicht in der beschriebenen Datentiefe.
  • Überfordert der zeitliche Aufwand Professoren? Für eine Stunde fertigen Lehrmaterials rechnet man in der TUM mit zehn Stunden Aufwand, die auf den Dozenten und die Techniker zukommen. Allerdings fällt der Großteil der Arbeit für jeden Online-Kurs nur einmal an. Aber auch die Kosten für einen Kurs sind hoch.
  • Führt die Unverbindlichkeit nicht auch zu einem schnellen Abbruch des Studiums wenn Kurse fordernd sind?
  • Können Zertifikate aus dem Netz die Persönlichkeitsbildung eines Colleges und die Erziehung zum kritischen Denken ersetzen?
  • Was geschieht, wenn ein paar Star-Professoren die Lehre dominieren? Die Befürchtung ist, dass Stellen an kleineren Universitäten zugunsten von Harvard Online-Kursen gestrichen werden und je weniger Professoren eingestellt werden je weniger Fachgebiete und Unterfachgebiete werden gelehrt und je mehr Institutionen des Wissens werden vernachlässigt und sterben.

Der Artikel von Heller schließt mit einem Beispiel eines Harvard-Professors, William W. Fisher III, der mit seinem Kurs versucht, einen Mittelweg zu finden. Für den Online-Kurs wurden nur 500 Teilnehmer zugelassen und so ausgewählt, dass ein breites Spektrum an Alter und Berufen zusammenkam und davon auszugehen war, dass diese Teilnehmer das Gelernte kreativ in ihren Wirkungsstätten einsetzen würden. Der Online-Kurs läuft parallel zum Präsenzkurs. Freiwillige des Präsenzkurses dienen als Lehrassistenten für die Studenten des Online-Kurses.Der Kurs versucht alle Versprechen der Online-Bildung zu liefern: er verbreitet nützliches Wissen über Harvard hinaus, lässt Schüler durch den Unterricht lernen und bereichert den Unterricht, indem mehr Zeit für die Diskussion von Problemen bleit. Es ist auch nicht „massiv“, offen oder komplett online.

Es wird weiter experimentiert werden.

Bei der zu Beginn erwähnten Abstimmung würde ich meine Stimme übrigens dem Kurs „Medienbildung und Mediendidaktik – Grundbegriffe und Praxis“ und „Von E-Mail, Skype und Xing: Kommunikation, Führung und berufliche Zusammenarbeit im Netz“  geben. Und Sie?

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