Sprachskepsis und Medienkritik – auf den Spuren von Fritz Mauthner

Im zweiten Teil des dreiteiligen Essays „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“ spricht Dagmar Lorenz mit dem französischen Kulturwissenschaftler Jacques Le Rider. Ihr Thema ist die Sprachskepsis, die um 1900 eine Radikalisierung erfährt.

Fritz Mauthner, der „berühmte Unbekannte“
Jaques Le Rider hatte Fritz Mauthner (1849-1923) als „berühmten Unbekannten“ bezeichnet. Denn Mauthner sei immer als wichtiger Name der literarischen Moderne genannt worden –  seine Bücher habe jedoch kaum jemand gelesen, weil sie so umfangreich und abschreckend seien. Mauthner sei eine bestimmende Figur im Literaturbetrieb seiner Zeit gewesen, er förderte u.a. die Avantgardebewegung, den Naturalismus und die Berliner Freie Bühne. Sein eigentliches Thema sei jedoch die Sprache gewesen und der Gebrauch, den die Menschen von ihr machen.

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Bildnachweis: Aus Spemanns goldenes Buch des Theaters, Scan Ulrich Goerdten

Mauthners Biographie prägte seine Sprachskepsis
Sein Lebensthema „Sprache“ habe sich ihm durch seine Jugend im vielsprachigen Prag aufgedrängt. Laut seiner Memoiren „Jugend in Prag“ erlebte er 1873 einen „Sprachschreck“. Als assimilierter Jude und deutscher Nationalist betrachtete er die tschechische Volkssprache, die damals wenig angesehen war, als Gefahr für das Deutschtum in Prag. In „Jugend in Prag“ beschreibt er, wie tschechische Schulkameraden von ihren Lehrern gegen deutschsprachige Schüler aufgehetzt worden seien. Sprache ermögliche keine zwischenmenschliche Kommunikation sondern Sprechen sei ein ständiges Missverständnis. 1876 verlässt Mauthner daher Prag und geht nach Berlin. Ernüchtert über die Wirkung von Goethes und Humboldts Auftrag an die Moderne ging er vom großen Vertrauen des Neohumanismus der Sprachen über zu einer radikalen Sprachskepsis.

Sprachkritik bei Mauthner immer auch Gesellschaftskritik
Mauthners Sprachkritik sei v.a. eine Erkenntniskritik. Mauthner gehe von einer sensualistischen Theorie der Sprache aus: Das Erlebnis mit der Wirklichkeit sei primär und Dinge würden genannt werden. Dadurch entstehe bei ihm die Überzeugung, dass Sprache eine anthropomorphe Welt aufbaue, Diese anthropomorphe Welt fasse er auf als eine Welt, die uns von der Wirklichkeitswelt trenne, wir lebten also in einer Welt der Täuschung. Sprache sei „Lüge im außermoralischen Sinne“. Mauthners Ansicht, dass die lügnerische Natur der Sprache durch soziale Diskussion und Politik zur Manipulation genutzt werden würde, sei damit gleichzeitig eine Gesellschaftskritik.

Das Schweigen als Lösung
Auf der Suche nach der Antwort, was nach der Sprache komme, wendete sich Mauthner, ein lebenslanger, selbstbewusster Atheist, gegen Ende seines Lebens der mittelalterlichen Mystik, Meister Eckhart, den chinesischen Taoisten und dem Buddhismus zu. Sein Buch „Der letzte Tod des Gautama Buddha“ sei die größten Hommage an den Buddhismus, die auch Hermann Hesse beeinflusst habe. Mauthner verstehe den Buddhismus als Sprachnihilismus, als großes Beispiel für die Weisheit des Schweigens, als Verweigerung zu den Begriffen/Urteilen/sprachlichen Interventionen in der Wirklichkeitswelt und als Glücksversprechen für die Sprach- und Wortmüden, die sich nach wortlosem Einverständnis mit dem Kosmos und der menschlichen Mitwelt sehnten.

Einfluss von Fritz Mauthner heute
Seine Sprachkritik lasse sich laut Le Rider weiterführen zur radikalen Medienkritik, die davon ausgehe, dass wir keine Wirklichkeit, keine Welterfahrung mehr hätten, sondern in einer virtuellen Welt lebten. Sie gleiche der Kritik von Kulturanthropologen, wie z.B. der von Jean Boudrillard, die besage, dass der Mensch abgetrennt von der Welt der Natur lebe, in einer Kulisse von Bildern, die so medial geformt seien, dass jede Unmittelbarkeit verloren gegangen sei.

ICOM und Fritz Mauthner
Noch können und wollen wir allerdings nicht verstummen – lieber unterhalten wir uns mit Ihnen über die vielfältigen Möglichkeiten, die gerade die sozialen Medien zum direkten Austausch mittels Worten bieten. Außerdem messen wir für Sie, wie erfolgreich dieser Austausch war bzw. was an Informationen angekommen ist 🙂

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2 Antworten zu “Sprachskepsis und Medienkritik – auf den Spuren von Fritz Mauthner

  1. Der Ansicht Mathners, dass Sprache eine lügnerische Natur impliziert, die sich die Politik – wahrscheinlich aber auch – die Wirtschaft zu eigen macht, um Diskurse in ihrem Zwecke zu führen und folglich Schweigen als Lösung erscheint, wäre er vermutlich nicht gefolgt, hätte er zu seinen Zeiten schon das Intrumentarium der ICOM-Methodik zur Verfügung gehabt. Wir hätten ihm mit einer Wirkungsanalyse sicherlich helfen können.

  2. Die Sprachkritik Mauthners hat sich nicht aus einer bestimmten Methode heraus entwickelt. Sie hat zu tun mit den Erfahrungen Mauthners im Prag der 1870er Jahre. Und dass Sprache auch eine lügnerische Natur hat, dass sie manipuliert, dass sie das Missverständnis in sich trägt, erlebe ich jedenfalls täglich. Eine Wirkungsanalyse, die mir bei diesem Befund „hilft“, müsste wohl eine rosarote Brille sein, die alles hübsch und nett macht, egal wie es tatsächlich aussieht.

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