Taugt Sprache zur Verständigung?

In einem dreiteiligen Essay „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“, der zur Zeit im Deutschlandfunk ausgestrahlt wird, geht es um die spannende Frage, ob Sprache wirklich zur Verständigung taugt – und ob sie imstande ist, die Wirklichkeit zu beschreiben.

Im ersten Teil beschäftigt sich Dagmar Lorenz damit, wie sich der Blick auf die Sprache entwickelt hat.

Wort_barockschloss_5175434201_a16b67f8bc

Bildnachweis: “Wort” von barockschloss, Creative Commons Attribution

Spätestens seit Platon würde das Verhältnis zwischen Sprache und außersprachlicher Wirklichkeit diskutiert. Entspringen die Wörter dem Wesen der Dinge? Und ist Sprache in der Lage, sämtliche Dinge dieser Welt angemessen abzubilden?

Sprache als Abbild der Wirklichkeit in der neuzeitlichen Philosophie
Die neuzeitliche Philosophie (mit Denkern wie Francis Bacon, John Locke oder Gottfried Wilhelm Leibniz) sei von der Forderung beeinflusst gewesen, dass Sprache die Wirklichkeit abbilde. Im 18. Jahrhundert habe der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg  aber erkannt, dass dieses Ideal an der Unzulänglichkeit der Sprache selbst scheitern müsste. Die Differenz zwischen den sprachlichen Zeichen und dem, was bezeichnet werden soll, sei unaufhebbar. Ebenso unmöglich sei es, gerade Empfindungen präzise auszudrücken, oder das Denken unmittelbar zur Sprache zu bringen.

Sprache formt die Weltsicht bei den Aufklärern im 18. Jahrhundert
Doch diese Erfahrung des Bruchs zwischen Sprache, Bewusstsein und Wirklichkeit führte bei den Aufklärern des 18. Jahrhunderts nicht zu einer prinzipiellen Sprachskepsis, sondern entweder zu einer Haltung der Selbstbeschränkung, wie etwa bei Gotthold Ephraim Lessing, der meinte, dass Sprache das ausdrücken könnte, was man „deutlich denke“, dass es aber unmöglich und unnötig sei, alle Nuancen der Empfindung auszudrücken. Oder es führte zu einer aufklärerisch motivierten Kulturkritik, die sprachliche Irrtümer zu vermeiden suchte bzw. sich an der Wirklichkeit selbst abarbeitet.
Nach Humboldt forme Sprache die vorgegebene Realität zu einer Weltsicht. Insofern präge sie das individuelle Vorstellungsvermögen des Menschen. Sprache wurde so nicht mehr als untergeordnetes Werkzeug zum Abbilden von Realität begriffen. Sie wurde stattdessen in das Bewusstsein des Menschen verlegt. Der Einzelne sei also an die Sprache und ihre jeweiligen Gesetzmäßigkeiten gebunden.

Aufkommen der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert stellen neue Anforderungen an Sprache
Die Entwicklungsschübe in den Naturwissenschaften verschärften dieses Krisenbewusstsein im Verlaufe des 19. Jahrhunderts. Mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung und der Ausdifferenzierung in Natur- und Geisteswissenschaften ergaben sich neue Anforderungen an die Sprache als Beschreibungswerkzeug. Die natürliche Sprache wurde als zunehmend untauglich für die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis begriffen.

Soziale Funktion der Sprache bei Nietzsche
Für Friedrich Nietzsche waren weder Verstand noch Sprache dafür geeignet, die Wirklichkeit abzubilden. Bei ihm habe Sprache vor allem eine soziale Funktion. Sie diene dem Menschen als Mittel der Verstellung, der Täuschung und Illusionsbildung.

Wörter umgrenzen einen Bedeutungsraum bei Ernst Mach
Ernst Mach zufolge existiere kein Gegensatz zwischen der äußeren Welt der Dinge und uns, die wir subjektiv diese Welt wahrnehmen. Sprache könne nie eindeutig sein. Denn Wörter erhalten ihre Bedeutungen dadurch, dass sie subjektive Empfindungen hervorrufen – und zwar sowohl im Sprechenden als auch im Angesprochenen. Und da diese Empfindungen schon bei zwei Menschen nie hundertprozentig übereinstimmen, umgrenzten Wörter allenfalls einen Bedeutungsraum.

Modernisierungsprozesse führen um 1900 zum Bedeutungszuwachs von vergesellschafteter Sprache
In den industrialisierenden Gesellschaften Europas wurden zunehmend die persönlichen Beziehungen durch abstrakte sprachliche Kommunikation ersetzt: sei es auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Verwaltung, der Technik, der Schulbildung, aber auch der politischen Repräsentation: In einem Zeitalter, das durch das Aufkommen von Massenparteien gekennzeichnet ist, gewann der manipulativ geschickte Redner an Gewicht.

Der Boom des neuen Massenmediums Zeitung und seine Machart erforderten eine neue Sprache: eingängige Formulierungen, schmückende Vergleiche, bildkräftige Beschreibungen, grelle Reklameslogans. Und die Texte mussten in kurzer Zeit  von professionellen Journalisten niedergeschrieben werden. Diskutiert wurden schon damals die Konsequenzen, die der Wandel von der literarisierten Büchersprache zum kommerzialisierten journalistischen Schreiben erzeugte. Das kommerzialisierte Schreiben und Reden unter Zeitdruck bringe die Sprache als stereotype Wendung und Phrase hervor – in deren Gestrüpp die wirklichen Sachen und Sachverhalte  verschwinden würden.

Interesse an Ballett und Pantomime als Suche nach außersprachlichen Ausdrucksformen
Die Suche nach einem Jenseits der Sprache förderte vermutlich auch das um die Jahrhundertwende zu beobachtende Interesse etwa Hofmannsthals an außersprachlichen Ausdrucksformen wie Ballett oder Pantomime.

Der erste Teil des Essays endet mit dem gut gemeinten Rat Ludwig Wittgensteins:

„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s