Im Bann der Echtzeit

In einem Essay über die „Kurzlebigkeit der Expertise“ befasst sich Hans-Jürgen Heinrichs mit der spannenden Frage, wie angesichts der kurzen Haltbarkeit von Nachrichten, Schriftstellern und geisteswissenschaftlichen Experten eine eigene Rolle in den Medien eingeräumt werden könnte und wie eine solche Kooperation auszusehen hätte.

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Dieser Essay machte uns gleichzeitig bewusst, welche Möglichkeit Blogs dabei spielen können, Experten diesen Raum für ihre Einschätzungen, Expertise und Stellungnahmen einzuräumen. Am Ende dieses Beitrags betrachten wir diesen Punkt speziell für die Unternehmenskommunikation.

Vor dem Hintergrund der arabischen Revolutionen und der Reaktorkatastrophe in Japan bemängelt Heinrichs, dass die Humanwissenschaften – die Philosophie, die Ethnologie, die Psychoanalyse und Ethnopsychoanalyse – viel an Einfluss auf das politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland verloren hätten. Die Folge sei ein Schwund an Hintergrundwissen, das für die Politik und das Bewusstsein jedoch dringend notwendig wäre, um Gegenwart konstruktiv und visionär zu gestalten, Entwicklungen vorauszusehen und der Zukunft gewachsen zu sein. Er fordert daher eine stärkere öffentliche Mitarbeit der Geisteswissenschaftler, um das, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist, neu zu bestimmen.

Mut zu vorläufigen und spekulativen Deutungen gefordert

Heinrichs fordert die Geisteswissenschaftler auf, den Mut zu vorläufigen und spekulativen Deutungen zu haben und sich stärker einzumischen, auch wenn die weitere Entwicklung in Ägypten, Tunesien und Libyen, Syrien und Jemen nur schwer abzuschätzen sei.

Die Medien informieren – das ist ihre erklärte Aufgabe. Aber sie deuten auch zunehmend ausführlicher, weiten ihre Dominanz in der Vermittlung von Informationen stärker als früher auf die Interpretation des Dargestellten aus. Die Medien erobern sich neues Terrain, da die Wissenschaftler – aus Angst, sich in das aktuelle Geschehen zu ungeschützt interpretierend einzumischen – bereit sind, ein Stück ihrer Deutungsstärke abzugeben.

Heinrichs wirft den Theoretikern vor, es versäumt zu haben, selbstbewusst und souverän aufzutreten und „ein fundiertes Bild unheilvoller, politisch und ökonomisch nur kurzfristig angelegter Allianzen mit Diktatoren zu zeichnen – Allianzen, die im Fall eines Psychopathen wie Gaddafi prinzipiell unkontrollierbar sind!“. Die Wissenschaftler hätten den pragmatischen und ökonomisch dominierten Ansatz des Westens in der Nordafrika-Strategie nicht grundsätzlich verhindern, aber erschweren und teilweise umlenken können. Es wäre möglich gewesen, in die praktizierte Politik ein Alternativmodell einzubauen, wenn Wissenschaftler mit der ganzen Kraft ihres Wissens interveniert und die Grenzen und Gefahren der Politik entgegen gesetzt hätten. Als gelungenes Beispiel nennt er den Nahost-Experten Michael Lüders, dem dies in seinen Beiträgen im Rundfunk und Fernsehen gelungen sei. In seinem Buch „Tage des Zorns“ schreibt dieser:

„Wie schwer sich westliche Politik tat, die Veränderungen anzunehmen, zeigten die Reaktionen in Washington, Berlin und anderswo. Zurückhaltung, Zögerlichkeit, ein verbissenes Abwägen. Öffentlich bekundete Freude über den Wandel erst, nachdem er unwiderruflich erschien. Die eigene, jahrzehntelang betriebene Politik, mit den übelsten Gewaltherrschern zu paktieren, solange sie Erdöl liefern, Terroristen jagen und Flüchtlinge von Europas Grenzen fern halten, war buchstäblich über Nacht hinfällig geworden. …“

Mögliches Beispiel für eine Kooperation von Medien und Geisteswissenschaftlern

Laut Heinrichs gehören das Gedicht und die Rebellion, die literarische Darstellung, die Reportage, der journalistische Beitrag, die Kolumne der Kommentatoren und die Einschätzungen der Wissenschaftler aufs Engste zusammen und werden nur künstlich voneinander getrennt. Es ginge darum, an ihrer Allianz und Kooperation zu arbeiten.

Ein Beispiel für eine solche Kooperation wäre nach Heinrichs das Ereignis gewesen, das Mitte November 2011 alles mediale Interesse an der arabischen Rebellion verdrängte: die Mordserie von Neonazis an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund. Im Fernsehen seien dazu sogenannte „Terrorismusexperten“ und Politiker mit Floskeln aufgetreten, die mühelos bei jedem Thema einsetzbar seien:

„Wir sind alle erschrocken, aber wir sind optimistisch und fordern, alles vorbehaltlos und lückenlos aufzuklären, alles zügig aufzuarbeiten …“

Kein Psychologe oder Psychoanalytiker wurde gefragt, wie man sich eine mögliche Komplizenschaft zwischen einer staatlichen Behörde, Beamten und Neonazis vorstellen muss, ob dies ein Sonderfall oder naheliegend – weil eine gewisse Mentalität vielleicht weiter verbreitet sei, als allgemein zugestanden?

Solche Fragen seien weniger Fragen an Politiker oder an Terrorismusexperten, sondern an Menschen, die mit den psychischen Mechanismen bestens vertraut sind und von hier aus Licht in ein Geschehen bringen könnten, das viel stärker in den Alltag integriert ist, als es die Metapher vom „braunen Sumpf“ oder Verharmlosungen wie „Döner-Morde“ oder „Schutzgeld-Geschichten“ erahnen lassen.

Die Aneinanderreihung von Klischees bei Politikern würde besonders im Vergleich zu der klaren, analytischen und präzise deutenden Sprache eines einfachen Ex-Terroristen aufscheinen, der Ende der neunziger Jahre eine sogenannte neonazistische Kameradschaft in Berlin aufgebaut hatte und vor fünf Jahren aus der Szene ausgestiegen ist:

„Man lebt als Neonazi für den Tag X, an dem das System zusammenbricht. Aber das passiert nicht. Man rennt jeden Tag gegen eine Mauer. Dieser Frust führt dazu, dass Leute sich radikalisieren und das Gefühl haben: Diese Mauer müssen wir sprengen. Wenn dann noch ein Leben im Untergrund dazu kommt, wird es gefährlich … Es wächst eine sehr radikale junge Generation von Neonazis heran.“

Jemand, der der Neonazi-Szene angehörte und den existenziellen Kampf deren Mitglieder erfahren hat, kann ganz offensichtlich als „Experte in eigener Sache“ eine schlackenlosere Beschreibung geben, die in einer Gesamtdarstellung des Rechtsextremismus von elementarer Bedeutung ist.

Bedeutung für die Unternehmenskommunikation

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesem Essay für die Unternehmenskommunikation ziehen? Ich denke, dass die Nutzung sozialer Medien in Unternehmen dazu beiträgt, dass gerade Experten an der Basis direkt zu Wort kommen können. In Blogs sind keine Firmenhierarchien zu beachten, sie bieten Spezialisten eine spezielle Chance, Themen ihres Spezialgebietes zu kommentieren und aufzubereiten. Das geschieht unzensiert und unabhängig davon, ob die interne Redaktion dieses Thema für relevant hält. Zusätzlich haben die Leser die Möglichkeit, direkt Kontakt mit dem Autor aufzunehmen und den Artikel zu kommentieren. Mitarbeiter vor Ort haben meist die besten Ideen für neue Lösungen, Abläufe und Prozesse und können diese so breiter veröffentlichen und diskutieren. Die Frage ist, was Experten dazu bewegt, ihre Meinung, ihr Wissen in Blogs zu veröffentlichen? Anerkennung und die Möglichkeit Einfluss zu nehmen? Was meinen Sie dazu?

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